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Einsam, obwohl ich nicht allein bin? Die fünf Facetten der Einsamkeit

14. Sept.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 15. Sept.

Gräser im warmen Sonnenlicht vor einer unscharfen Berglandschaft.

Vielleicht kennst du einen Abend, an dem du allein zu Hause bist und dich vollkommen wohl damit fühlst. Du liest, schaust einen Film, kochst etwas oder genießt einfach die Ruhe und hast nicht das Gefühl, dass dir in diesem Moment etwas fehlt.

 

Und vielleicht kennst du auch das Gegenteil.

Du sitzt mit anderen Menschen an einem Tisch, unterhältst dich, lachst und bist eigentlich mittendrin. Trotzdem bleibt dieses schwer zu beschreibende Gefühl, nicht wirklich verbunden zu sein.

Oder du hast Menschen in deinem Leben, mit denen du regelmäßig Kontakt hast, und vermisst dennoch jemanden, dem du dich wirklich anvertrauen kannst.

 

Genau darin zeigt sich etwas, das beim Thema Einsamkeit leicht übersehen wird:

Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe.


Vielleicht kennst du selbst den Gedanken: „Ich bin einsam, obwohl ich nicht allein bin.“ Denn auch Einsamkeit fühlt sich nicht für jeden Menschen gleich an. Manchmal fehlt uns Begegnung. Manchmal Vertrautheit. Manchmal Nähe. Und manchmal sind Menschen da und trotzdem scheint etwas zwischen uns und ihnen zu stehen.

 

Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe

Alleinsein beschreibt zunächst einen äußeren Zustand: In diesem Moment ist kein anderer Mensch bei dir. Wie du diesen Zustand erlebst, kann sehr unterschiedlich sein.

Vielleicht genießt du es, Zeit für dich zu haben. Allein einen Kaffee trinken zu gehen, durch die Stadt zu spazieren oder einen Sonntag ohne Verabredung zu verbringen, kann sich ruhig und frei anfühlen.

An einem anderen Tag kann genau dieses Alleinsein schmerzen.

 

Einsamkeit beschreibt dagegen ein subjektives inneres Erleben. Deshalb können wir uns auch unter Menschen einsam fühlen. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Menschen um uns herum sind, sondern ob wir die Verbindung erleben, die wir gerade brauchen oder uns wünschen.

 

Gerade für Single-Frauen finde ich diese Unterscheidung wichtig. Denn Single zu sein bedeutet nicht automatisch, einsam zu sein. Gleichzeitig darf es Momente geben, in denen dir bestimmte Formen von Nähe oder Verbundenheit fehlen, obwohl dein Leben grundsätzlich erfüllt ist und du Menschen um dich hast. Beides darf gleichzeitig wahr sein.

 

Warum Einsamkeit ganz unterschiedlich aussehen kann

Gabriele Frick-Baer und Udo Baer beschreiben in ihrem Buch Das große Buch der Gefühle fünf Facetten der Einsamkeit: Kontakteinsamkeit, Freundschaftseinsamkeit, Intimitätseinsamkeit, Herzenseinsamkeit und Bindungseinsamkeit.

Diese Unterscheidung ist keine Diagnose und auch keine Einteilung, in die ein Mensch eindeutig hineinpassen muss. Vielmehr ermöglicht sie einen differenzierteren Blick auf die Frage: Welche Form von Verbindung vermisse ich eigentlich?

 

Denn hinter dem Satz „Ich fühle mich einsam“ können sehr unterschiedliche Erfahrungen stehen. Vielleicht erkennst du dich beim Lesen stärker in einer Facette wieder. Vielleicht findest du dich in mehreren wieder und vielleicht verändert sich das auch je nach Lebensphase.

 

Kontakteinsamkeit – wenn Begegnung und Austausch fehlen

Manchmal fehlt vor allem eines: Kontakt zu anderen Menschen.

Vielleicht hat sich dein soziales Umfeld verändert. Eine Freundin ist weggezogen, andere haben weniger Zeit, du arbeitest viel im Homeoffice oder eine Veränderung in deinem Leben hat dazu geführt, dass Begegnungen seltener geworden sind. Tage können dann vergehen, an denen es zwar Nachrichten, E-Mails oder kurze Gespräche gibt, aber kaum wirklichen persönlichen Austausch. Wenn das länger anhält, kann auch die Hürde größer werden, selbst wieder Kontakt aufzunehmen. Vielleicht würdest du gerne mehr unternehmen, weißt aber nicht so recht mit wem. Oder du merkst, dass es dir zunehmend schwerfällt, auf neue Menschen zuzugehen.

 

Bei der Kontakteinsamkeit steht deshalb weniger die Tiefe einer Beziehung im Mittelpunkt als die Frage, ob Begegnung und sozialer Austausch überhaupt ausreichend vorhanden sind.

 

Freundschaftseinsamkeit – wenn Vertrautheit fehlt

Du kannst einen vollen Kalender haben und dich trotzdem einsam fühlen.

Vielleicht kennst du viele Menschen. Du hast Kolleginnen, Bekannte, Menschen aus dem Sport oder andere Kontakte, mit denen du gerne Zeit verbringst. Und dennoch fehlt dir jemand, bei dem du nicht lange überlegen musst, was du erzählen kannst. Jemand, den du anrufen möchtest, wenn etwas Schönes passiert oder wenn etwas schiefläuft. Jemand, bei dem ein Gespräch nicht an der Oberfläche bleiben muss.

 

Bei Freundschaftseinsamkeit geht es deshalb nicht darum, wie viele Menschen du kennst, sondern darum, ob du Beziehungen erlebst, in denen Vertrautheit und persönlicher Austausch möglich sind. Manchmal ist viel Kontakt vorhanden und trotzdem fehlt genau diese Form von Nähe.

 

Intimitätseinsamkeit – wenn tiefe Nähe fehlt oder schwerfällt

Beim Wort Intimität denken viele zunächst an Sexualität.

Frick-Baer und Baer verstehen darunter jedoch mehr. Intimität kann auch bedeuten, einem anderen Menschen körperlich, emotional und seelisch nahe zu sein und sehr persönliche Seiten von sich zeigen zu können.

 

Vielleicht wünschst du dir jemanden, bei dem du dich fallen lassen kannst. Berührung, körperliche Nähe, ein Gespräch, in dem du etwas erzählst, das du nicht vielen Menschen erzählst. Gerade als Single kann diese Form von Nähe fehlen, ohne dass deshalb dein gesamtes Leben einsam sein muss. Vielleicht hast du enge Freundschaften, ein gutes soziales Netz und Menschen, mit denen du dich verbunden fühlst und vermisst trotzdem die besondere körperliche oder emotionale Nähe, die du mit einer Partnerschaft verbindest.

Gleichzeitig kann Nähe auch verletzlich machen. Vielleicht ist der Wunsch danach da und du bemerkst trotzdem Vorsicht oder Unsicherheit, wenn ein Mensch dir tatsächlich näherkommt. Auch diese Gleichzeitigkeit darf sein.

 

Herzenseinsamkeit – wenn das eigene Herz geschützt bleibt

Manche Gefühle liegen sehr nah an unserem innersten Erleben.

Vielleicht gibt es Seiten von dir, die du nur selten zeigst. Wünsche, Verletzungen oder Sehnsüchte, von denen andere wenig wissen.

Frick-Baer und Baer beschreiben Herzenseinsamkeit als eine Form der Einsamkeit, die diesen sehr persönlichen emotionalen Bereich betrifft. Schmerzhafte Erfahrungen wie Verlust, Kränkung, Verrat oder Enttäuschung können dazu führen, dass Menschen vorsichtiger damit werden, was sie von sich zeigen. Das kann zunächst ein verständlicher Schutz sein.

Schwierig kann es werden, wenn dieser Schutz so stark wird, dass kaum noch jemand Zugang zu dem bekommt, was dich wirklich bewegt.

 

Vielleicht sind Menschen da, vielleicht gibt es Gespräche und Beziehungen und trotzdem bleibt ein Teil deines inneren Erlebens ganz bei dir. Dann kann Einsamkeit nicht daraus entstehen, dass niemand da ist, sondern daraus, dass das, was in dir lebendig ist, kaum jemanden erreicht.

 

Bindungseinsamkeit – wenn Verbindung gewünscht ist und Bindung schwerfällt

Manchmal ist der Wunsch nach Verbindung sehr deutlich vorhanden und gleichzeitig fällt es schwer, sich längerfristig auf einen Menschen einzulassen oder sich in einer Bindung sicher zu fühlen.

Frick-Baer und Baer stellen bei der Bindungseinsamkeit Zusammenhänge insbesondere zur Herzenseinsamkeit und teilweise auch zur Intimitätseinsamkeit her. Begegnung kann möglich sein, Nähe vielleicht ebenfalls. Und trotzdem kann an einem bestimmten Punkt etwas schwieriger werden.

 

Vielleicht merkst du, dass du dir Verbindung wünschst und gleichzeitig vorsichtiger wirst, wenn ein Mensch wirklich wichtig wird. Oder dass du Nähe genießen kannst, aber ein dauerhaftes Einlassen etwas anderes in dir auslöst. Auch hier geht es nicht darum, daraus vorschnell eine Erklärung für dich oder deine bisherigen Beziehungserfahrungen abzuleiten.

 

Vielleicht reicht zunächst die Wahrnehmung:

Ich wünsche mir Verbindung – und gleichzeitig gibt es etwas in mir, das dabei aufmerksam oder vorsichtig wird. Beides kann nebeneinander bestehen.

 

Einsamkeit lässt sich nicht immer einer Facette zuordnen

Vielleicht hast du dich beim Lesen an mehreren Stellen wiedererkannt. Das wäre nicht ungewöhnlich.

 

Die fünf Facetten sind keine voneinander abgeschlossenen Bereiche. Sie können miteinander verbunden sein und sich im Laufe des Lebens verändern.

Vielleicht fehlt dir gerade vor allem ein Mensch für vertraute Gespräche. In einer anderen Lebensphase ist dein soziales Netz groß, aber du vermisst körperliche oder emotionale Intimität. Und manchmal verändert bereits eine neue Freundschaft, ein Umzug, eine Partnerschaft oder auch eine innere Entwicklung, welche Form von Verbindung sich ausreichend anfühlt und welche nicht. Deshalb geht es nicht darum, dich einer Kategorie zuzuordnen.

 

Viel interessanter finde ich die Frage:

Wo wünsche ich mir gerade mehr Verbindung und welche Form von Verbindung fehlt mir eigentlich?

 

Denn wenn wir Einsamkeit nur als „Ich bin zu viel allein“ verstehen, suchen wir vielleicht automatisch nach mehr Kontakt. Doch mehr Menschen um uns herum beantworten nicht zwangsläufig das, wonach wir uns sehnen.

Manchmal brauchen wir mehr Begegnung.

Manchmal eine vertraute Freundschaft.

Manchmal Berührung oder Intimität.

Manchmal möchten wir uns mit dem zeigen können, was uns wirklich bewegt.

Und manchmal wünschen wir uns eine Verbindung, in der wir uns auch langfristig sicher und verbunden fühlen können.

 

Vielleicht beginnt ein anderer Umgang mit Einsamkeit deshalb nicht damit, das Gefühl möglichst schnell loszuwerden, sondern damit, etwas genauer hinzuhören, wovon es eigentlich erzählt.

Vielleicht hast du dich beim Lesen in einer der fünf Facetten stärker wiedererkannt als in anderen. Vielleicht auch in mehreren.


Genau dafür habe ich den kostenfreien Einsamkeits-Selbsttest entwickelt. Anhand von 15 Fragen erhältst du eine erste Orientierung, welche Facette sich in deinem aktuellen Erleben besonders zeigt und ob es daneben eine weitere Tendenz gibt.

Nicht als Diagnose und nicht, um dich in eine Schublade einzuordnen, sondern als Einladung, dein eigenes Erleben ein Stück genauer kennenzulernen und der Frage nachzugehen:

 

Welche Form von Verbindung wünsche ich mir gerade in meinem Leben?

 

 
 
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